Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
 
 
 
 
   
   

Alter: 43
Wohnsitz: Freiburg
Ihre berufliche Tätigkeit zur Zeit? Hochschulassistentin Institut für Volkskunde, Freiburg
Ihre aktuellen Forschungsprojekte? "Ortsfremd. Über das Zusammenleben mit Fremden im Hunsrück" (Arbeitstitel des Habilprojektes)
Wo waren Sie zuvor tätig? Forschungsstipendium Deutsches Hygiene Museum Dresden; Werkvertrag Badisches Landesmuseum Karlsruhe
Ihre Forschungsschwerpunkte insgesamt? Fremdheit/Migration/Regionalforschung, Medizin/Körper/Sexualität/Gender
Ihre weiteren Interessensgebiete? Interkulturelle Kommunikation
Worauf freuen Sie sich besonders? Anregende Diskussionen und Gesprächspartner

Freund oder Feind?
Zur Imagination des Fremden in den Medien

Fremde geraten in den Medien vorwiegend als Ausländer, Flüchtlinge, Asylanten oder Aussiedler in den Blick und werden häufig als Verursacher von Problemen (Kosten, Wohnungsnot, Arbeitsplatzkonkurrenz, „Überfremdung“, Kriminalität) beschrieben. Der Nachrichtenwert solcher Berichte verhält sich dabei meistens entsprechend der Prämisse, dass schlechte Nachrichten gute Nachrichten für die Medien sind, auch wenn diese im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu ihrem Neuigkeits- und Informationswert stehen. Zu deren Aufbereitung werden dabei oftmals gängige Klischees und Stereotypisierungen des Fremden bemüht, um die Darstellung der Differenz zwischen uns und den Anderen zu fokussieren. Gerade die Unterscheidung zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“, verknüpft mit Gegensatzpaaren wie gut/böse, schön/hässlich oder wahr/falsch, entwickelte sich dabei immer mehr zu einem Grundmuster der Medien, welches – wie am Beispiel der Medienberichterstattung über Spätaussiedler in der Konversionsregion um den ehemaligen US-Militärflughafen Hahn deutlich wird – auch Vorstellungen von Freund und Feind evozierte, die auf binäre Dichotomien zu Zeiten des „Kalten Krieges“ verweisen.

Als Anfang der neunziger Jahre russlanddeutsche Aussiedler in diese Region kamen, war das Medieninteresse entsprechend groß. Überregionale Zeitungen, TV und Radio gaben sich im Hunsrück die Klinke in die Hand und berichteten über die zugewanderten „Neubürger“, deren Herkunft, Geschichte und Alltag. Finanzmittel von Bund und Land ermöglichten vor Ort den Ausbau von Kindergärten und Schulen, den Bau eines Jugendzentrums und initiierten Projekte zur „Ost-Westintegration“. Einen Höhepunkt der Berichterstattung bildete die Verleihung des Integrationspreises 1998, der eine scheinbar reibungslose und deswegen vorbildliche Eingliederung der Russlanddeutschen in die Dörfer und Gemeinden des Rhein-Hunsrück-Kreises auszeichnete. Ein paar Jahre später jedoch schien alles anders. Negative Schlagzeilen über ansteigende Kriminalität und Drogenmissbrauch in der Region führten dazu, dass zahlreiche kritische Reportagen erschienen, welche die Integrationserfolge der Vergangenheit nicht nur in Frage stellten, sondern sogar als Lügenmärchen zu entlarven glaubten.

Vor diesem Hintergrund zeigt der Beitrag – basierend auf Medienberichten (Zeitung, TV, Internet) und qualitativen Interviews –, wie die Darstellung der Fremden (russlanddeutschen Aussiedler) in den Medien die Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der Einheimischen präformierten und den Diskurs vor Ort bestimmten. Diese „imaginären Fremden“ korrespondieren jedoch nur ansatzweise mit den „tatsächlichen Fremden“ vor Ort. Die Analyse zeigt, wie das Zusammenleben von Einheimischen und Fremden sowie persönliche Erfahrungen im Umgang miteinander im Laufe der Zeit die Wirklichkeiten der Medienberichterstattung außer Kraft setzten. Die zunehmende Integration der russlanddeutschen Aussiedler durch die Einheimischen offenbarte Kongruenzen zwischen beiden, wodurch das Fremde und die Fremden ihren von den Medien zugeschriebenen Charakter verloren.

 
 
Sabine Zinn-Thomas
 
 
 
 
Der Vortrag von Sabine Zinn-Thomas findet statt am:
Mo | 24.9. | 14.30 Uhr
in P3
 
 
 
  Blogbeitrag zum Vortrag