Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
 
 
 
 
   
   

Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Frankfurt/M.
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Promovierende am Marburger Kolleg 'Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Arbeit, Politik und Kultur'
Wo waren Sie zuvor tätig? Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung DIPF, Frankfurt/M.
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Geschlechterdifferenz, queer-Theorie, Kulturwissenschaften
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Poststrukturalistische Theorien, visual politics, Ästhetik, Wahrnehmung, Re/Präsentation

Sichtbar und selbstevident?
Zur Medialität des Körpers in Arbeitskontexten

"Are you a boy or a girl? – Both. – Oh, he is a girl."
(Szene in ‚By hook or by crook‘, 2001)

Im Lebens- und Arbeitsalltag ist eine Differenzierung nach Geschlecht selbstverständliche und in der Regel unhinterfragte Praxis. Darin wird auf einen Körper rekurriert, der als naturgegeben und in diesem Sinne ‚erkennbar‘ gedacht ist. Mit dieser Vorstellung einer vorausgesetzten Naturhaftigkeit re/produziert sich die Grenze zwischen zwei Geschlechtern, die sich gegenseitig ausschließen und wechselseitig aufeinander beziehen (sollen). Wie aber sieht es aus mit der empirischen Faktizität einer klaren zweigeschlechtlichen Ordnung? Und wie lassen sich Prozesse nachzeichnen, in denen die körperliche Konstituierung von Geschlecht wechselseitig verschränkt ist mit den Kontexten, in denen Personen sich bewegen?

Der Beitrag rückt den Körper als Medium von (Selbst)Wahrnehmung und Kommunikation ins Zentrum der Betrachtung. Ausgangspunkt meiner empirischen Arbeit, in der ich mich mit den Herstellungs- und Veränderungsprozessen von Geschlechtlichkeit befasse, sind Transgender-Kontexte. Diese Bezeichnung umfasst im weitesten Sinne Lebensweisen von Geschlechtlichkeit, die sich nicht eindeutig in die Kategorien von Frau oder Mann einordnen (lassen). Ich habe theoriegenerierende Interviews geführt mit Personen, die ich als Expert/innen bezeichne, da sie – innerhalb eines weiten Transgender-Spektrums – öffentliche Gruppen oder Netzwerke organisieren und somit aktiv auf das Handlungsfeld anderer einwirken.

Mich interessieren die Erfahrungen der Interviewten in Erwerbsarbeitskontexten, verstanden als gesamtgesellschaftlich konstituierten Raum, in dem sich Personen – auch diejenigen aus dem Transgender-Spektrum – bewegen (müssen). Anhand von Situationsbeschreibungen lässt sich aufzeigen, WIE normative Erwartungen an die Geschlechtlichkeit von Personen sich auf einer körperlich-leiblichen Ebene niederschlagen. Dabei zeigt sich auch, dass der Arbeitsplatz – weit davon entfernt, nach reinen Leistungskriterien zu funktionieren – vornehmlich ein sozialer Ort ist, an dem Geschlecht relational hervorgebracht wird. Ab wann also ‚fühlt sich ein Sakko überhaupt erst gut an‘, welche Art von Zuneigung wird wem gegenüber in welchen Situationen ‚verspürt‘, und ‚wie viel Weiblichkeit gesteh ich mir selbst zu‘ – dies sind zentrale Fragen, die in den von mir geführten Interviews thematisiert werden. Sie verweisen auf den bildförmigen und damit öffentlichen Modus, in dem Geschlecht auf der Bildfläche erscheint und innerhalb dessen seine Angemessenheit beurteilt wird. Beide Dimensionen – die körperliche Eigen- und Fremdwahrnehmung – konstituieren einen Raum, in dem Geschlecht hervorgebracht, aber auch verhandelt wird. Die hier nachzuzeichnenden Prozesse – so meine These – sind kein Transgender-Phänomen: Vielmehr geht es darum, den Blick auf die Ambivalenzen von Geschlechtlichkeit zu richten und so zu einer Kulturanalyse der Geschlechterdifferenz beizutragen.

 
 
 
 
 
 
Der Vortrag von Karen Wagels findet statt am:
Mi | 26.9. | 13.00 Uhr
in P3