Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Medialität des Körpers?
Der Körper als Vermittlungs- und Lernort in der Verkehrserziehung

In der Verkehrserziehung für Kinder zeigt sich eine dichotome Auffassung von medial vermittelter "Theorie" (Bücher, Computer-Lernspiele) und "in situ" eingeübter "Praxis". Erst der "praktische" Einsatz des Körpers als Lehr- und Lernmedium verspricht die erfolgreiche Habitualisierung der "Körpertechniken" (Marcel Mauss), die für die Teilnahme am Straßenverkehr als notwendig erachtet werden. In diesem Zusammenhang eröffnet sich die Frage nach der Medialität des Corporalen: Wie werden Handlungs- und Deutungsmuster durch und über "Körper" vermittelt und angeeignet?

Radfahren erfordert die Einübung routinierter Bewegungsabläufe in einem komplexen Netzwerk von "Aktanten" (Bruno Latour). In der schulischen, praktischen Radfahrausbildung erscheint in Bezug auf die "Vorführung" ("Rechts-links-rechts-Schauen"), in Gesten, aber auch in der Polizeiuniformierung der Körper als Vermittlungsort von Praxen und Bedeutungen. Gleichzeitig ist er Lernort. Über ihn werden "vorgeführte" Praxen (durchaus eigensinnig) angeeignet und habitualisiert. Im (ausprobierenden) Umgang vermittelt "Körper" weiterhin Sinnliches, wie Geschwindigkeit oder Gleichgewicht. Nicht zuletzt dient die Verkehrserziehung der Einübung des (Wahrnehmungs-)Mediums "Körper": Aufmerksamkeit wird kanalisiert und situiert, Wahrnehmungen werden kategorisiert (z.B. schnell/langsam).

Die empirische Basis für diesen Vortrag bilden Daten, die im Rahmen meines Dissertationsvorhabens "Ordnungs- und Orientierungssysteme des Umgangs mit Technik" erhoben werden. Anknüpfungspunkt in der volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Forschung bietet ein symbolisches Konzept des Körpers, wie es z.B. Utz Jeggle formulierte. Dies ist jedoch nur ein Aspekt des Lernens "von Körper zu Körper" bzw. über den Körper.

Daher soll der Medienbegriff hier erweitert werden: Medium wird nicht technizistisch als Werkzeug oder "Kanal" verstanden; vielmehr rückt die Gleichzeitigkeit von "Leib-Sein" und "Körper-Haben" (Helmuth Plessner) in den Vordergrund. Demnach ist das Corporale in seiner Medialität sowohl für das Hervorbringen als auch für die Erfahrung von (kulturell verfasster) "Wirklichkeit" konstituierend.

Ausgehend von dieser Vorstellung eröffnet sich die Möglichkeit, methodische und kulturtheoretische Überlegungen zu verknüpfen. So erschließt sich der Zugang zu nonverbalen Aspekten des Alltags, die ebenso wie verbale an der medialen Konstruktion von "Wirklichkeit" beteiligt sind. In Hinblick auf ihre methodische Erfassung lassen sich auf Grundlage der Überlegungen zur Medialität des Körpers sowohl Möglichkeiten und Grenzen der Beobachtung aufzeigen als auch der eigene Körper als mediales "Mess- und Erkenntnisinstrument" (Karin Knorr-Cetina) reflektieren. Kulturtheoretisch soll dargestellt werden, dass Medien nicht als Übermittler eines dahinter liegenden Bedeutungs- oder Zeichensystems gefasst werden dürfen, sondern dass sie konstituierender Bestandteil von Praxis sind. In dieser Hinsicht kann sowohl das Performative in den Medien als auch das Mediale im Performativen gezeigt werden.

Weiterhin kann anhand der unterschiedlichen Medien der Verkehrserziehung eine Dichotomie von Theorie und Praxis oder anders: Diskurs und Praxen nicht aufrechterhalten werden. Vielmehr soll nach den Bedeutungen in den Praxen sowie nach den Praxen in den Bedeutungen gesucht werden. Die Volkskunde / Europäische Ethnologie bietet meines Erachtens das methodische Handwerkszeug für beide Herangehensweisen.

 
 
 
 
 
 
Der Vortrag von
Karin Petersen findet statt am:
Mo | 24.9. | 17.00 Uhr
in P2