Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Wie alt sind Sie? 36
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Flensburg
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Leiter des Flensburger Schiffahrtsmuseums
Wo waren Sie zuvor tätig? Freilichtmuseum am Kiekeberg, Rosengarten-Ehestorf (Abteilungsleitung Sammlung & Ausstellung) / Institut für Volkskunde der Universität Hamburg (Lehrbeauftragter)
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Fotografie / Visuelle Ethnographie / Flensburger Fördeschifffahrt
Was sind Ihre weiteren Interessengebiete? Maritime Volkskunde / Volkskundliche Technikforschung / Volkskundliche Genussmittelforschung (Zucker, Rum) / Musealisierungsprozesse / Museologie, Ausstellungswesen und Museumsmanagement
Worauf freuen Sie sich beim Kongress besonders? Auf die Gespräche am Rande.

Martin Rosswog
Ein visueller Ethnograph des ländlichen Europas

Seit den 1990er Jahren lassen sich vermehrt konzeptionelle und inhaltliche Überschneidungen zwischen künstlerischen und kulturwissenschaftlichen Arbeiten feststellen. Im Zuge der verstärkten Hinwendung zum Bild – dem so genannten pictorial turn – werden in den empirischen Kulturwissenschaften vermehrt erweiterte Formen ethnographischer Repräsentation diskutiert. Einen wichtigen Beitrag liefert hierzu die angloamerikanische Visual Anthropology, die sich mehr denn je mit den erkenntnistheoretischen Potentialen eines medienadäquaten Einsatzes von Fotografie, Film und in jüngster Zeit auch Multimedia auseinandersetzt. Parallel dazu lässt sich auf Seiten der zeitgenössischen Kunst eine Art ethnographic turn konstatieren. Immer mehr Künstlerinnen und Künstler nutzen für ihre bildnerischen Annäherungen an die Wirklichkeit Techniken der Feldforschung. Die Grenzen zwischen Kunst und Kulturwissenschaft scheinen zu verwischen.

Für den Fotografen Martin Rosswog ist die Grenzüberschreitung zwischen ethnographischer Beobachtung und künstlerischer Gestaltung ein integraler Bestandteil seiner dokumentarischen Arbeit. Angestoßen durch eine Reise in den Südwesten Irlands erkundet Rosswog seit 1989 mit seiner Kamera die bäuerlichen Wohnkulturen in den abgelegenen Regionen Europas. Seine bisherigen Reisen führten ihn nach Spanien, Finnland, Schottland, Russland, Litauen, Polen, Rumänien, Ungarn, Frankreich, Deutschland und in die Ukraine. Sein Hauptinteresse beschreibt er als Suche nach einer Art "Urform des Wohnens". Was zunächst an die schwärmerische Sammelleidenschaft der frühen Volkskunde erinnert, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als gezielte Spurensicherung, die mit einem unverstellten Blick auf die Gegenwart die sich überlagernden Zeitschichten des Wohnens ins Bild setzt und damit die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigkeiten, Kontinuitäten und Modernisierungen sichtbar macht. Rosswog betrachtet die Wohnräume als Ausdruck historisch gewachsener Lebensweisen, die sich in der alltäglichen Ordnung, Nutzung und Gestaltung der Räume manifestieren. Analog zu seinem Lehrer Bernd Becher hat Rosswog für seine Fotoserien ein systematisch vergleichendes Verfahren der fotografischen Abwicklung entwickelt. Im Laufe der Jahre entstand auf diese Weise ein umfangreiches visuelles Archiv des ländlichen Lebens Europas, das seinesgleichen sucht.

Während Martin Rosswog im Kunstbetrieb mittlerweile neben Candida Höfer, Thomas Struth, Axel Hütte, Thomas Ruff und Andreas Gursky als wichtiger Vertreter der Düsseldorfer Foto-Schule gewürdigt wird, ist sein Werk von der Volkskunde/Europäischen Ethnologie mit wenigen Ausnahmen bislang kaum rezipiert worden – zu nennen sind hier vor allem die beiden Dokumentationsprojekte "Hausgeschichten" und "Schultenhöfe", die das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm bzw. das Westfälische Freilichtmuseum Detmold zusammen mit Rosswog realisiert haben. In meinem Beitrag möchte ich daher Rosswogs Werkgruppe der ländlichen Interieurs in ihrer Bedeutung für eine Ethnographie Europas vorstellen. Rosswogs Fotoserien veranschaulichen eindrucksvoll das komplementäre Verhältnis zwischen ethnographischer Dichte und ästhetischer Komposition, in dem in Hinblick auf ein anschauliches Verstehen auch der besondere Wert fotografischer Visualisierungen für gegenwartsorientierte Repräsentationsstrategien liegt.

 
 
Thomas Overdick
 
 
 
 
Der Vortrag von Thomas Overdick findet statt am:
Mo | 24.9. | 17.00 Uhr
in P4