Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Wie alt sind Sie? 49
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Wien
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Außerordentliche Professorin, Uni Wien
Wo waren Sie zuvor tätig? Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Projektmitarbeiterin in unterschiedlichen Zusammenhängen, Tischlerin
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Materielle Kultur, Freizeitforschung, Methodendiskussion und -entwicklung, Wissen und Geschlecht, Kulturpolitik
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Die Welt und der ganze Rest ...
Worauf freuen Sie sich besonders? Jetzt: auf Urlaub.

Warum wir Bridget Jones lieben
Oder: Ethnographische Recherchen zur Ratgeberlektüre

Das Liebesleben der Bridget Jones – in Buch und Film – ist längst ein Klassiker des Genres. In so zart-romantischen ebenso wie in grell-schrägen Tönen wird da über die Tücken der zeitgenössischen Alltagswelt einer jungen Frau (auf Brautschau) erzählt, einer Alltagswelt, in der die Lektüren von Ratgebern eine tragende, das heißt eine zwiespältige Rolle spielen: So regelmäßig wie die Protagonistin Liste für Liste schreibt, was sie alles in Hinkunft an ihrem Leben verändern sollte, so regelmäßig scheitert sie an diesem pädagogischen Instrument, naiv und kritisch zugleich ist ihr Umgang mit diesem Medium. Doch auch in Geschichten über junge Männer werden die Lektüren von Ratgebern als alltägliche Praxis vorgeführt, etwa in dem tragisch-komischen Roman von Thomas Glavinic über den jungen Karl Kolostrum, der alle seine Probleme mit Familie, Figur und Mädchen mit Hilfe von Lebensweisheiten aus Ratgebern zu bewältigen sucht.

Solche durchaus liebevoll und präzise ausgestalteten Bilder, deren Erfolg wohl auch darin gründet, dass wir uns immer ein wenig ertappt fühlen in unserem eigenen Verhalten, verweisen auf unterschiedliche Bedeutungsebenen, die Lektüren und damit die Ratgeber selbst haben können: Die im Medium Ratgeber behauptete Rationalität und Logik werden in der kommunikativen und kommunizierten Praxis des Lesens und Konsumierens vielfach verändert und vielschichtig erweitert. Sicherlich holen man und frau sich oft zunächst Trost und Rat in derartigen Texten, doch welche Schlüsse daraus gezogen werden, welches Handeln sich daraus entwickelt, dies ist situativ (im Sinne Hans Paul Bahrdts) bedingt. Ratgeber können gleichzeitig konservative und utopische Funktionen für die Leserinnen und Leser erfüllen. Immerhin stehen sie für die Option, daß der eigene Körper, der Alltag, das Leben ganz anders aussehen könnten. Das Lesen dieser Texte kann genauso Therapie sein wie Zerstreuung bieten.

Meinen Beitrag verstehe ich als systematischen Versuch. Entlang von Szenographien typischer Rezeptionssituationen von Ratgebern im Printformat geht es mir darum, Fragen der ethnographischen Rezeptionsforschung stärker in den Vordergrund zu rücken, als dies bislang in der einschlägigen Forschung der Fall ist. Von grundsätzlicher Bedeutung sind dabei die Spezifik, insbesondere die Ästhetik des Lesens und des Mediums Buch im Kontext zunehmend breiter Mehrfachnutzung verschiedenster Medien und geschlechtsspezifischer Mediengewohnheiten bzw. der Konstruktionen solcher Geschlechtspezifika. Die Fragen nach den Inhalten eines Textes, nach Belehren und Unterhalten, müssen meines Erachtens nach die Frage nach der jeweiligen Praxis des Lesens, nach Belehrung und Unterhaltung in der situativen Konkretisierung, einschließen. Denn in einem Buch, so Ulrich Greiner, stoßen immer zwei Köpfe zusammen.

 
 
 
 
 
 
Der Vortrag von Klara Löffler findet statt am:
Mi. | 26.9. | 10.00 Uhr
in P3