Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Wie alt sind Sie? 57
Wohnsitz: Berlin
Ihre berufliche Tätigkeit zur Zeit? Professor für Europäische Ethnologie
Ihre aktuellen Forschungsprojekte? Volkskundliches Wissen/Urbane Kultur in Berlin und Moskau/Identitätspolitik in Armenien
Wo waren Sie zuvor tätig? Universität Tübingen
Ihre Forschungsschwerpunkte insgesamt? Nationale und ethnische Identitätspolitiken / Urbane Kultur und Migration / Europa und Europäisierung / Wissensgeschichte und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
Worüber werden Sie auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Mainz referieren? Volkskundliches Wissen

Beiträge zur Medialität volkskundlichen Wissens
Vorstellung des DFG-Forschungsverbunds: "Volkskundliches Wissen und gesellschaftlicher Wissenstransfer. Zur Produktion kultureller Wissensformate im 20. Jahrhundert"

Volkskundliches Wissen erscheint im 19. und 20. Jahrhundert besonders "mediengängig". Es findet sich in einer breiten Palette medialer Formen wieder, die nicht nur den strengen Regeln akademischer Wissenschaft folgen: Neben expliziten Speichermedien und genuin wissenschaftlichen Medien aktualisiert es sich auch in Repräsentationsformen mit beträchtlicher Öffentlichkeitswirksamkeit wie z.B. in Ausstellungen, Filmen, populärwissenschaftlichen Vorträgen, Zeitschriften, Volksfesten usw. In diesen vielfältigen medialen Formen durchdringt volkskundliches Wissen verschiedenste gesellschaftliche und nicht zuletzt lebensweltliche Bereiche – und dort entsteht es z.T. auch im wörtlichen Sinne als "populäres" Wissen.

Der Forschungsverbund "Volkskundliches Wissen und gesellschaftlicher Wissenstransfer" nimmt die aktuellen Debatten um die Rolle der Wissenschaften in der "Wissensgesellschaft" zum Anlass, die Modi und Prozesse volkskundlicher Wissensproduktion und -distribution näher zu untersuchen. Grundlegend sind dabei Fragen nach dem Zusammenspiel von Räumen, Akteuren und Medien im Wissenstransferprozess. Die fünf im Verbund zusammengeschlossenen Institute bearbeiten diese Fragestellungen exemplarisch mit Methoden der reflektierenden Wissensforschung zunächst historisch, auf breiter empirischer Basis und in vergleichender Perspektive.

Die Forschungssektion soll auf der Grundlage des empirischen Materials aus den einzelnen Teilprojekten konzeptionelle Überlegungen zu den zentralen Perspektiven des Verbundes vorstellen und diskutieren. Nach einer allgemeinen Einführung durch Wolfgang Kaschuba, Berlin, orientiert sich die Vortragsstruktur an den drei Analysekategorien Wissensformat, Wissensmilieu und Wissensraum, die in den einzelnen Präsentationen und in der abschließenden Zusammenschau durch Silke Göttsch, Kiel, immer wieder aufeinander bezogen werden.

1. Wissensformate
(Präsentation: Michaela Fenske, Göttingen, und Lioba Keller-Drescher, Tübingen)

Die Vielförmigkeit volkskundlichen Wissens und ihre gesellschaftliche Bedeutung soll mit dem Begriff des Wissensformats gefasst werden. Der Verbund geht davon aus, dass in Wissensformaten einzelne Wissensbestände nach bestimmten Prinzipien ausgewählt, gesammelt, geordnet, interpretiert und/oder (re)präsentiert werden. Formate nehmen dabei eine jeweils spezifische Form und Struktur an. Sie postulieren die Gültigkeit des in ihnen festgeschriebenen Wissens und positionieren es in einem Spektrum zwischen akademischer Wissenschaft und breiter Öffentlichkeit. Obgleich bestimmte Formate wie beispielsweise Enzyklopädien und Wörterbücher stärker in die Wissenschaften hinein kommunizieren und andere Formate wie Erzählsammlungen oder Dokumentarfilme von einer breiteren Öffentlichkeit rezipiert werden, können doch alle Formate gleichermaßen als Ergebnis von Aushandlungsprozessen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren bzw. Gruppen verstanden werden. Das Verständnis der Formatgenerierung als Ergebnis eines aktiven Aushandlungsprozesses unterstreicht zum einen die enge Verknüpfung der Analysekategorie "Wissensformat" mit den anderen, die Forschung des Verbundes leitenden, Begriffen "Wissensmilieu" und "Wissensraum". Zum anderen wird die Dynamik der Formatierungsprozesse deutlich, die eng mit gesellschaftlichen, darunter auch wissenschaftliche und fachwissenschaftliche, Entwicklungen korrelieren. Dabei sind einzelne Formate häufig mit anderen, teils instrumentell dienenden, verknüpft, beispielsweise folkloristische Enzyklopädien mit Textsammlungen und Katalogen oder Landesbeschreibungen mit Erhebungsbögen und Berichten. Diskutiert werden soll, wie über die Untersuchung der Wissensformate die Spezifik der Generierung volkskundlichen Wissens erfasst werden kann, wie mittels Formaten volkskundliches Wissen ausgehandelt und kommuniziert wird und welcher Praktiken der Artikulation sich die Akteure in diesen Prozessen bedienen.

2. Wissensmilieus
(Präsentation: Sabine Imeri / Franka Schneider, Berlin)

Der Begriff, der zunächst zur Beschreibung der komplexen Wechselbeziehungen von Stadt, Wissen und sozialen Akteuren im gegenwärtig konstatierten Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft entworfen wurde, wird hier auf einen historischen Zusammenhang angewendet und für diesen Zweck weiterentwickelt. Als ein heuristisches Konzept soll er die Perspektive auf das volkskundliche Wissen zentral stellen. Der Analysefokus richtet sich auf die für Prozesse der Wissensproduktion und des Transfers konstitutiven Praxen, auf die hier verhandelten Wissensbestände (und inwiefern diese prägnante Kopplungen von Wissens-typen, z. B. Alltagswissen, Objektwissen, Expertenwissen, sind), deren regionale Dimensionen sowie auf die beteiligten Akteure (Personen, Institutionen etc. sowie deren Allianzen und "Wahlverwandtschaften"). Wissensmilieus verfügen über ein charakteristisches Wissen um gemeinsame Praxisformen, spezifische Formen eines internen Wissenstransfers und wirken effektiv in gesellschaftliche Öffentlichkeiten hinein, was zugleich auf die Wechselbeziehungen zu den Kategorien "Wissensformat" und "Wissensraum" verweist. Die Überlegungen zum Konzept "Wissensmilieu" sollen exemplarisch am Beispiel zweier "Facetten" des volkskundlichen Milieus in Berlin vorgestellt werden. Bei der Gesellschaft für Heimatkunde der Provinz Brandenburg zu Berlin "Brandenburgia" richtet sich der Fragehorizont auf mehr verstetigte dauerhafte Formen der Wissensproduktion und des Transfers, während mit Blick auf ausgewählte Volkskunstausstellungen in Berlin projektbezogene temporäre Formen im Mittelpunkt stehen. Überlegt werden soll auch, ob und inwiefern hier, im Sinne regionaler Spezifik, von einem Berliner volkskundlichen Milieu gesprochen werden kann.

3. Wissensräume
(Präsentation: Jenni Boie/Carsten Drieschner, Kiel, und Antonia Davidovic-Walther, Frankfurt/Main)

Charakteristisch für volkskundliches Wissen war stets seine starke lokale Einbindung mit regionaler Perspektive. Regionalität verweist hier auf eine spezifische Eigenlogik der Konstruktion von Wissensräumen, in denen volkskundliche Organisationsstrukturen etabliert werden. Zugleich werden Forschungsfelder reklamiert sowie Formen und Funktionen der Medialisierung volkskundlichen Wissens verhandelt. Volkskundliche Wissensproduktionwird somit durch regional gebundene Wissenstransfers stimuliert und konstituiert sie zugleich. Anhand zweier unterschiedlicher zeitlicher und regionaler Kontexte sollen hier Entwicklungen dieser Art diskutiert werden. Dazu wird die Genese personeller wie institutioneller Strukturen zwischen Laienforschung, Wissenschaftsdisziplinen und Landespolitik, des Diskurses um das Verständnis wissenschaftlicher Volkskunde sowie des Transfers volkskundlichen Wissens in die Öffentlichkeit exemplarisch in den Blick genommen. Anhand der kulturellen Entwicklung in Schleswig-Holstein in den 1920er Jahren können die Funktionalisierung regionalen Wissens in und über eine Region sowie Vernetzungsstrukturen zwischen Volkskunde und Politik untersucht werden. In den Blick kommt dabei, wie mit Hilfe bestimmter Wissensformate versucht wurde, Schleswig-Holstein als eine in sich geschlossene Region zu konstruieren. Die volkskundliche und soziologische Gemeindeforschung in Hessen nach 1945 wiederum bietet die Möglichkeit zur Untersuchung der Transferprozesse zwischen verschiedenen scientific communities in einem Wissensraum. Hessische Volkskundler und Soziologen übernahmen Ansätze aus den US-amerikanischen community studies, modifizierten diese jedoch gleichzeitig und eigneten sie sich somit in einer wissensraumspezifischen Weise an.

Zum Verbund gehören folgende Projektgruppen
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Institut für Europäische Ethnologie, Berlin (Wolfgang Kaschuba / Leonore Scholze-Irrlitz): "Volkskunde in der Metropole. Zur Entstehung eines volkskundlichen Wissensmilieus und zur Produktion kultureller Wissensformate in Berlin." Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Sabine Imeri, Franka Schneider.
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Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Frankfurt/Main (Gisela Welz): "Die Ortsmonographie als Wissensformat. Am Beispiel der Gemeindeforschung im 20. Jahrhundert". Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Antonia Davidovic-Walther.
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Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Göttingen (Regina Bendix): "Enzyklopädie als Wissensformat. Das Beispiel der volkskundlichen Erzählforschung". Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Michaela Fenske.
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Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde, Kiel (Silke Göttsch): "Volkskunde als "Heimatwissenschaft": Region und Ethnos. Das Beispiel Schleswig-Holstein 1920–1940". Wissenschaftliche MitarbeiterInnen: Jenni Boie, Carsten Drieschner.
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Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Tübingen (Bernhard Tschofen): "Konstituierung von Region als Wissensraum. Der Beitrag von Volkskunde und Sprachforschung in Württemberg (1890–1930)". Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Lioba Keller-Drescher.

 
 
Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba
 
     
 
Der Vortrag von Wolfgang Kaschuba findet statt am:
Di | 25.9. | 9.00 Uhr
in P4