Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     



Wie alt sind Sie? 29 Jahre
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Tübingen
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Wissenschaftliche Angestellte im Sonderforschungsbereich 437 "Kriegserfahrungen" an der Uni Tübingen
Wo waren Sie zuvor tätig? Als Studierende am Ludwig-Uhland-Institut und am kunsthistorischen Institut in Tübingen
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Ich arbeite an einer Dissertation zur Geschichte und Medialität des Volkstrauertags.
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Erinnerungskultur und Umgang mit dem NS, populare Religiosität, Symbolforschung
Worauf freuen Sie sich besonders? Auf das Büffet

Rituelles Gedenken und/in Massenmedien am Beispiel des Volkstrauertags

In Absetzung zu den modernen Massenmedien wird das Ritual häufig als "traditionelles" low-tech-Medium klassifiziert. Im Vortrag hingegen soll die Medialität des Volkstrauertags als Verquickung der Ebene des gelebten und praktizierten Gedenkrituals und der Ebene des Rituals in den (Massen-)Medien beschrieben werden. Beide Ebenen fungieren als unterschiedliche Sinnschichten des Volkstrauertags, die eine je eigene Dynamik zur Modifizierung und Generierung von Symbolformen und Bedeutungen entwickeln können. Gleichwohl ergibt sich erst aus ihrer Zusammenschau und einer Beschreibung der wechselseitigen Beeinflussungsverhältnisse ein adäquates Bild der Mechanismen des Volkstrauertags als einem öffentlichen Gedenkritual des 20. und 21. Jahrhunderts. Diese "doppelte Medialität" des Volkstrauertags soll im Vortrag als entscheidende Voraussetzung für die "Erfolgsgeschichte" des Gedenktags thematisiert werden.

Die Geschichte des Volkstrauertags beginnt Anfang der 1920er Jahre als Gedenktag für die getöteten deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Die Nazis übernahmen den Gedenktag als "Heldengedenktag" in ihren Feiertagskalender. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Volkstrauertag in der BRD wieder aufgegriffen und wird seit 1952 jeweils zwei Sonntage vor dem 1. Advent begangen. Die Einführung des Gedenktags geht auf den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. zurück, der bis heute Hauptträger der Veranstaltungen ist. Seit 1924 richtete der Volksbund jährlich eine zentrale Gedenkstunde im Reichstag aus; parallel hierzu organisierten Ortsgruppen des Vereins Feiern in zahlreichen Gemeinden in Deutschland. Bis heute kennzeichnet den Volkstrauertag seine breite Verankerung auf Bundes-, Länder- und Gemeindeebene.

Bereits während der 1920er Jahre spielten die neuen Massenmedien eine entscheidende Rolle, so wurde die zentrale Feierstunde zum Volkstrauertag ab 1926 von nahezu allen deutschen Rundfunksendern übertragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg löste das Fernsehen den Rundfunk als wichtigsten überregionalen Berichterstatter ab. Noch heute übertragen ARD und ZDF in jährlichem Wechsel die Gedenkstunde des Volksbundes im Plenarsaal des Bundestages als Live-Sendung.

Medien erfüllten und erfüllen im Hinblick auf den Volkstrauertag unterschiedliche Funktionen. Durch die Berichterstattung stellten Medien die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Feierebenen her; sie popularisierten und verbreiteten bestimmte Formen und Deutungen des Gedenktagsrituals und trugen dadurch zu einer Homogenisierung der Ritualpraxis bei. Neben solchen allgemeinen Aufgaben, die mehr oder weniger alle Medien betreffen, können die einzelnen Medienformate aufgrund ihrer charakteristischen medialen Potentiale auch ganz spezifische Funktionen übernehmen. So war z.B. erst mit der Wochenschau ein Medium geschaffen, das aufgrund seiner Strukturanalogie zum Ritual dessen performative Dimension abbilden konnte.

Solche abstrakten Überlegungen zu den unterschiedlichen Potentialen und Effekten von Medien werden im Vortrag anhand von drei Beispielen konkretisiert: In Zusammenhang mit Berichten über die Volkstrauertagsfeiern in den Printmedien der Weimarer Republik können Wirkmechanismen einer Verschriftlichung des Rituals aufgezeigt werden. Anhand der Wochenschauberichte der NS-Zeit soll die Formierung und Popularisierung der stillen Kranzniederlegung als Pathosformel nachgezeichnet werden. Diese Geste wurde auch nach 1945 als fester Bestandteil in die offiziellen Gedenkfeiern zum Volkstrauertag übernommen – d.h. hier bildete das "Ritual in den Medien" eine Vorlage für die Ritualpraxis. Schließlich werden die Live-Übertragungen der zentralen Veranstaltungen zum Volkstrauertag im Fernsehen als Generator für die Aktualisierung und Modernisierung des Gedenktags beschrieben.

 
 
Alexandra Kaiser
 
 
 
 
Der Vortrag von Alexandra Kaiser findet statt am:
Mo | 24.9. | 14.30 Uhr
in P2