Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Translokale Multimediaproduktion auf Basis neuer Kommunikations- und Distributionsmedien
Eine Ethnografie postfordistischen Arbeitens freiberuflicher Kulturarbeiter

Der hiermit vorgeschlagene Vortrag umfasst und synthetisiert gleich in mehrerer Hinsicht zentrale Punkte des DGV-Kongresses, nämlich einerseits den Einfluss von Medien auf Arbeitswelt(en) sowie die Medien als Arbeitsplatz, woraus nicht zuletzt Praxiswissen für Absolventen des Faches Europäische Ethnologie gewonnen werden kann. Andererseits leistet der Vortrag auf Basis der ethnografisch erhobenen Empirie eine Diskussion und Differenzierung der auf Makroebene angesiedelten Theorieansätze zu Individualisierung und Subjektivierung sowie zum Wandel vom Fordismus zum Postfordismus. Als Basis dafür dient eine vierjährige, inzwischen abgeschlossene Feldforschung, die in einer inzwischen eingereichten Dissertation im Fach Empirische Kulturwissenschaft/Europäische Ethnologie mündete. Die Ethnografie begleitet Angestellte und freiberufliche sogenannte "Alleindienstleister" einer Multimedia-Agentur an ihren inner- und außerbetrieblichen Arbeitsplätzen. Ihre Tätigkeiten nämlich finden zu einem großen Teil translokal auf der Basis neuer Kommunikationsmedien im Rahmen von gemeinsamen Projekten statt. In ihnen treffen verschiedene Berufsgruppen aufeinander, insbesondere Drucktechniker, Werber, Grafiker, Konzeptentwickler für Unternehmenskommunikation, Webdesigner, Journalisten und (Medien-)Künstler. Insbesondere die letzten vier Gruppen gelten, auch in der englischsprachigen Forschung aus dem Bereich der "cultural studies", als "Kulturarbeiter". Die Ergebnisse der vorliegenden Studie bieten somit unter anderem die Basis für eine Auseinandersetzung mit der Medienwelt als Arbeitsplatz, der von immer mehr Absolventinnen und Absolventen der Europäischen Ethnologie/Empirischen Kulturwissenschaft angestrebt wird. Die ethnografierte Multimediaagentur, welche die genannten Gruppen in einem "client-network" verbindet, befindet sich im Schwarzwald und ist bezüglich der Betriebsgröße und Mitarbeiterstruktur, der Produktpalette, des Medieneinsatzes und der damit verbundenen Translokalität des Arbeitens prototypisch für die Branche. So gibt es in Baden-Württemberg mehr als 200 Multimediaunternehmen dieser Größe, die alle einen ähnlichen Mix aus fest angestellten Vollzeitmitarbeitern und Freelancern aufweisen. Baden-Württemberg unterscheidet sich hierbei nicht grundlegend von anderen Bundesländern. Zudem konkurrieren auf der Basis translokaler Medienkommunikation und -distribution alle diese Unternehmen, zumindest prinzipiell, auf einem globalen Markt. Bei der Untersuchung war eine Erweiterung und Neukonzeption der klassischen Unternehmensethnografie unabdingbar, und zwar in Form einer "multi-sited-ethnography". Dies heißt im vorliegenden Fall einerseits die Feldforschung an verschiedenen geografischen Orten in ganz Deutschland, und zwar in urbanen Räumen und in ländlich geprägten Regionen parallel. Zum anderen fand die Ethnografie nicht nur in physisch-geografischen Räumen, sondern auch im virtuellen Informationsraum der Medienplattformen statt, die der Kommunikation und der Produktion medialer Erzeugnisse dienen. Zum dritten, und das erweist sich auch im Vergleich mit anderen Fächern wie der Arbeits- und Industriesoziologie als ganz neuer Zugriff, fand die Ethnografie in allen lebensweltlichen Sphären statt, wobei und gerade weil eine eindeutige, klassisch-fordistische Trennung in "Arbeit" und "Privatleben" auf Grund der spezifischen Mediennutzung erst einmal nicht mehr möglich ist. Auf diese Weise konnten Fragen hinsichtlich der Auswirkung neuer Medien beantwortet werden, die nach wie vor offen sind, insbesondere folgende zwei: Bedeuten gesellschaftliche Individualisierungstendenzen das Ende betrieblich ansprechbarer Kollektividentitäten oder bilden sich im Zuge der Normalisierung translokaler medienbasierter Arbeit Strukturen einer sozusagen "virtuellen" betrieblichen Öffentlichkeit heraus? Sind die Akteure aufgrund der spezifischen medialen Anforderungen bei der Arbeit einer zunehmenden Vernutzung und Ökonomisierung ihrer individuellen Subjektivität ausgesetzt? Auf der Makroebene angesiedelte Globalbefunde zu einer Spätmoderne, die durch eine "Krise des Fordismus" und durch eine weiter fortschreitende "Individualisierung" geprägt sei, können durch die geleistete Analyse deutlich differenziert werden.

 
 
 
 
 
 
Der Vortrag von Birgit Huber findet statt am:
Di | 25.9. | 9.00 Uhr
in P2
 
 
 
  Blogbericht über den Vortrag