Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Wie alt sind Sie? 47 Jahre
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Coburg, Oberfranken
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Wiss. Mitarbeiter der Initiative Stadtmuseum Coburg e. V., die durch mich im Auftrag der Stadt den Bestand des Städtischen Museums Coburg (Gegründet 1900, deponiert seit 1943/44) verwaltet, erschließt und erforscht, Austellungen und Publikationen zur Stadtgeschichte macht. Derzeit: "Coburg 1907: Leben in der Residenzstadt vor hundert Jahren"
Wo waren Sie zuvor tätig? Volontariat am Fichtelgebirgsmuseum Wunsiedel 1994-95, Ökologische Bildungsstätte Oberfranken Mitwitz 1995-98, daneben freier Mitarbeiter des Spesaartmuseums Lohr am Main 1989-2004
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Kulturgeschichte der Stadt Coburg und Jagdkultur in Deutschland
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Erinnerungskultur, Jagdpraxis als Dienstleistung am Wald
Worauf freuen Sie sich besonders? Auf den Urlaub ab morgen, wo ich endlich mal wieder zum kontinuierlichen Lesen komme.

"Urwald-Neger" oder "lutherischer Thüringerkopf"
Das Coburger Stadtwappen als Medium der Erinnerungskultur 1950 bis 1959

Coburg wurde durch die 1945 gezogene Demarkationslinie zur "Ostzone" bzw. zur DDR Grenzstadt, und die historischen Verbindungen der ehemaligen wettinisch-ernestinischen Residenz nach Thüringen wurden gekappt: ein wirtschaftliches, aber auch ein Problem der Identität in der Stadt, für die seit 1929 als erste NS-Stadt Deutschlands eine Sonderstellung im "Dritten Reich" reklamiert worden war. Nachdem man hier 1934 das mittelalterliche, bürgerliche "Mohrenkopf"-Stadtwappen mit dem Kopf des Stadtheiligen Mauritius zugunsten eines NS-Wappens abgeschafft hatte, wurde 1945 der "Coburger Mohr" rehabilitiert.

Ab 1950 versuchte man das Wappenbild zu normieren, was eine mehrjährige Debatte um die symbolische Aussage des Stadtwappens hervorrief. Seitens der Bevölkerung und der Geschäftsleute verwendete man diverse Formen des negroid dargestellten Schwarzen-Kopfes, der zwar letztlich – 1959 – "das Rennen machte", aber von der Stadtverwaltung zunächst "als Menschenfressertyp [..., als] Neger aus Zentralafrika" denunziert wurde. Die Verwaltung bevorzugte den von der Stadtkirche stammenden Kopf der spätmittelalterlichen Skulptur des ottonischen Reichsheiligen Mauritius. Als Garant der Wiedervereinigung wurde dieser u. a. von der völkischen Fotografin Lendvai-Dircksen gar als "lutherischer Thüringerkopf" interpretiert. Das hierbei bemühte Widerstandsmotiv des "Glaubenskampfes" korrespondiert mit deutlichen apologetischen Bestrebungen offizieller Vertreter zur Rolle Coburgs "mitten im Reich" (1956).

Diese Debatte zeigt exemplarisch, wie Erinnerungskultur politisch instrumentalisiert werden kann, im vordergründig harmlosen Medium des Wappens symbolisch "gerinnt" und dadurch nicht nur historischer Wandel, sondern auch Niederlagen negiert werden, um den Mythos – hier den der nationalen "Sondermarke" Coburg – auf medialer Basis rekonstruieren zu können.

 
 
Hubertus Habel
 
 
 
 
Der Vortrag von
Hubertus Habel findet statt am:
Mi | 26.9. | 13.00 Uhr
in P2