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Aktueller
Wohnsitz: Frankfurt / Main
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Ordentlicher
Universitätsprofessor an der Goethe-Universität
Frankfurt, Institut für Kulturanthropologie und Europäische
Ethnologie, seit 2000
Was
sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte?
Mediendiffusion & Medienevolution // Kinderzimmer
und Cybersemiotics // Communities of Projects / Cops in digitalen
Netzwerken // Innovation und Smart Populations
Wo waren Sie zuvor tätig? Vorstand der Lehrkanzel
für Kommunikationstheorie,
Universität für angewandte Kunst Wien, und Leiter
des Instituts für Experimentelles Gestalten und Raumkunst,
ebenda
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Mediale
Konstitution menschlicher Lebenswelten; Medienintegrierte
Wissenskulturen; Interaktivität; Neugier und Innovation;
Kulturen des Entwerfens (Generalnenner: Anthropologie des
Medialen)
Audiovisuelle Kunst; Hirnforschung; Designentwicklung; zwei-
und dreidimensionale
Bildlichkeit; typografisches, numerisches, grafisches Wissen;über
den Frankfurter Forschungsansatz "Anthropologie des Medialen
/ AdM"
Worauf freuen Sie sich besonders? thoughts of change
Anthropologie
des Medialen
Die
Forschungen über Medien intensivieren sich. Dabei werden
die Fragen nach einer Kulturanthropologie des Medialen immer
wichtiger. In ihren Blickpunkt rücken die Fragen nach
den Bedingungen, unter denen Menschen Medien erfinden, verdichten,
einsetzen, verändern. Medien als spezifische räumliche
und zeitliche Praxis in ihren sehr differenzierten, aber anthropologisch
nachvollziehbaren Bedingungen zu erforschen, wird immer wichtiger.
Ausgangspunkt
ist: Medien stellen die allgemeinen Voraussetzungen individuellen
Ausdrucks, seiner Speicherung, seiner Vermittlung und seiner
Verallgemeinerung zur Verfügung. Sie sind immer Teil
der institutionellen und normativen Struktur einer Kultur.
Als globales, phänomenales Feld weisen Medien auf einen
bislang kaum erforschten Schatz des Menschen hin, im Medialen
die konstitutiven Bedingungen für abstrakte Reichweiten
von Kulturen zu erfinden und zu entwickeln. Mit Medien organisieren
Menschen nicht nur abstrakte Anwesenheit. Sie lassen künstliche
Anwesenheiten und Abwesenheiten entstehen, erzeugen Glaubwürdigkeit
und Vertrauen gegenüber sinnlich nicht erfahrbaren Zusammenhängen.
Medien sind die robusteste nicht-natürliche Selbstverständlichkeit,
die ich kenne. Sie sind nicht biologisch vorgesehen, aber
in kulturrevolutionären Prozessen (M. Tomasello) möglich
geworden.
Zur
Medialität gehören sich entwickelnde Kompetenzen,
Instrumente, Techniken, Materialien. Um nur eine kleine Auswahl
anzusprechen: schreiben als interaktive Veränderung
der materialen Oberfläche, der Gedanken, der Tintenmenge,
der Körperhaltung, der Hand, etc, hierzu gehört
lesen, lernen, Briefe schreiben,
ein Siegel brechen, hierzu gehören geschichtlich
legale klösterliche Bibelkopien, streng geregelte Leserechte,
Alphabetisierung, oder gegenwärtig Computergames, e-Sports,
Netcommunities, e-learning, illegale Raubkopien von Filmen,
Musikstücken, Texten, elektronische Tagebücher,
24 Stunden Online, 24 Stunden TV. Technisches Sehen (durch
Mikroskop, Teleskop, Fotoapparat, Super-8-Kamera, digitale
Aufnahmegeräte), technisches Hören (Schallplatte,
Magnetband, MP3-player), technisches Lesen (scannen, rendern,
verarbeiten von Daten in Computerclustern), open source, open
society. Zur Medialität gehört aber auch das Vertrauen
in die abstrakte Sinnlichkeit der Zahlen, Bilder, Schrift,
der textlichen und audiovisuellen Narration. Gegenwärtig
bedeutet die informationelle, digitale Neufassung des Medialen
tiefgreifende Umkodierungen, in denen neue Strukturen für
Individualisierung (z.B. Personal Computer), Biografisierung
(WeBlogs), Gruppenbildung (Communities of Projects, M. Faßler
2006), für religiöse Globalisierung (ob muslimische
oder katholische Netze) oder weltweite Gegner
ökonomischer Globalisierung entstehen.
Das
technologisch Mögliche sollte dabei aber nicht mit dem
medial Möglichen (den Wünschen, Kompetenzen, Orientierungen,
Imaginationen, Fiktionen, Entwürfen) verwechselt und
beide sollten zudem von normativen, institutionellen und ökonomischen
Dimensionen der Medien unterschieden werden.
Dies
fasse ich kurz: Ohne Medien geht nichts mehr. Die kulturanthropologische
Frage ist: ging es in anthropologisch modernen Kulturen jemals
ohne Medien? Verneint man dies, stellt sich die Frage: wann,
wie, aus welchen Gründen erfolgte der medial turn? Und:
wie sind die Dynamiken dieser robusten und hochkomplexen Organisationsform
des Zusammenhangs von Zeichen, Bedeutung, Funktionalität
und Unterhaltung kulturanthropologisch zu thematisieren und
zu erforschen?
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