Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Wie alt sind Sie? 43 Jahre
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Würzburg
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Akademischer Rat z.A. am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Uni Würzburg
Wo waren Sie zuvor tätig? Wiss. Assistent am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Uni Würzburg, Wiss. Mitarbeiter am Institut für Volkskunde der Universität Regensburg, Wiss. Mitarbeiter des Forschungsprojekts "Kultur in nationalsozialistischen Konzentrationslagern - Kultur als Über-Lebensstrategie", Wiss. Volontär an der Landesstelle für Volkskunde Freiburg / Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Archivangestellter an der Landesstelle für Volkskunde Freiburg / Badisches Landesmuseum Karlsruhe
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Von der Last- zur Lustschiffahrt. Kulturwissenschaftliche Technikforschung am Beispiel künstlicher Wasserstraßen (Habilitationsprojekt an der Universität Würzburg) Kulturwissenschaftliche Technikforschung, Verkehr und Transport, landscape/Landschaft/Raum, Kulturwissenschaftliche Klangforschung
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Musik im NS-Lagersystem,
Popularmusik, Jugendkultur

Ortsrufanlagen
Aurale Medialität und öffentlicher Raum

In der noch relativ medienarmen Nachkriegszeit standen sie für den Anbruch des elektronischen Medienzeitalters auf kommunaler Ebene: Ortsrufanlagen, die den bis dahin vielerorts noch tätigen Dorfboten ersetzten. In den 1950er Jahren wurden damit rund ein Drittel aller Gemeinden Badens ausgestattet; ihr technisches Equipment bestand aus einer Sendezentrale im Rathaus und bis zu 260 Lautsprechern, die an Häusern, Lichtmasten und öffentlichen Gebäuden befestigt waren. Tagtäglich beschallte man mit ihrer Hilfe nach einer Eingangs-fanfare ganze Ortschaften mit amtlichen Bekanntmachungen, Vereinsnachrichten, Musik und Werbedurchsagen. Doch bereits nach wenigen Boomjahren setzte das weitere Vordringen von Rundfunk und Fernsehen diesen werbefinanzierten Lautsprecheranlagen ein schnelles Ende. Vordergründig scheint dafür das attraktivere Angebot der Konkurrenzmedien verantwortlich. Erst die Untersuchung der handelnden Akteure und der rundfunkpolitischen Diskurse zeigt, dass veränderte Rahmenbedingungen zum schnellen Niedergang führten.

Freilich scheiterte die Innovation Ortsrufanlage nicht vollständig: Einzelne Gemeinden behielten sie bei, kauften sie auf und betrieben sie fortan selbst. Dass sie sich trotz neuer lokalspezifischer Medienangebote wie Dorffunk, Lokalfernsehen und kommunalen Internetportalen bis heute behaupten konnten, ist nicht nur ihrer offiziellen Funktion als Verkündorgan amtlicher Gemeindenachrichten zu verdanken. Die exemplarische Analyse weiterer Einsatzmöglichkeiten, von Sendeinhalten, Nutzern und Rezipienten macht vielmehr deutlich, wie bestehende Ortsrufanlagen zwischenzeitlich zum integralen Bestandteil alltäglicher, medial vermittelter ortsinterner Kommunikation avancierten. Dieser Aneignungsprozess verlief nur erfolgreich, weil der ‚typische Klang‘ der Ortsrufanlagen eine spezifische aurale Medialität des öffentlichen Raums evozierte. Gerade der längst ritualisierte Einsatz dieser Lautsprecheranlagen bei Weinfesten, Prozessionen oder an Fastnacht stützt diese These. Hierbei veränderte ihr Sound nicht nur temporär die akustische Wahrnehmung des beschallten Raums, sondern kreierte langfristig eine akustische Signatur der jeweiligen Gemeinde, die man als medienhistorisches Relikt hartnäckig gegen Abschaffung verteidigt. Damit rekonstruiert die Untersuchung von Ortsrufanlagen eine weithin unbekannte Frühphase privater Rundfunkanlagen und veranschaulicht, wie dieses elektronische ‚Massenmedium‘ nach seiner Umnutzung vom ‚Broadcasting‘ zum ‚Narrowcasting‘ und seiner klangästhetischen Aneignung trotz antiquierter Technik eine begrenzte Renaissance als identitätsstiftende klangliche Gestaltung des Raums erleben konnte.

 
 
Guido Fackler
 
 
 
 
Der Vortrag von Guido Fackler findet statt am:
Mo | 24.9. | 14.30 Uhr
in P2
 
 
 
   
     
   
     
  Mehr zum Thema im Internet
Tagesschau-Bericht zur Ortsrufanlage in Niederlaasphe (Video)