Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Wie alt sind Sie? 37
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Marburg
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Wo waren Sie zuvor tätig? freiberuflich (Ausstellung, Publikation & Redaktion, Lehraufträge, Kulturprojekte)
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Arbeit zur Kulturgeschichte des Publikums/Habitusgenese des modernen Zuschauers
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Massenkultur & Medien, Ritual & Performanz, Ästhetik & Design, Fotografie, Akademische Milieus, Genussmittel, Alpinismus, Provinzräume
Worauf freuen Sie sich besonders? vertraute Menschen wiedertreffen, neue kennenlernen

Viewing Public
Das Publikum im Zeitalter seiner medialen Inszenierbarkeit

Publikum als sozialer Aggregatzustand aufgefasst, markiert die Schnittstelle zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Subjekt und Gesellschaft. Bei der Fülle zeitgenössischer Kollektivereignisse (von Sonnenfinsternis über Fußball-WM und Papst-Ernennung bis hin zum Airbus-Jungfernflug) verliert das Publikum immer mehr seinen transitorischen Charakter – es wird beinahe zum Dauerzustand. Man selbst wechselt wie selbstverständlich tagtäglich mehrmals seine Publikumsrolle: vom Zeitungsleser zum Radiohörer, vom Fernsehrezipienten zum Kinobesucher, vom Theaterconnaisseur und Konzertliebhaber zum Fußball-Fan.

Und mehr noch: das Publikum geriert zur Attraktion an sich; sobald es den Status einer Ansammlung von passiven Empfängern verlässt, den ihm die klassischen kommunikationswissenschaftlichen Ansätze oft zuwiesen, und sich in einen Mikrokosmos von Ritualen und Aktionsformen verwandelt, erfährt es selbst Aufmerksamkeit. Sein hybrider Charakter besteht nun darin, dass die Zuschauerschaft gleichzeitig zum Ziel und Gegenstand medialen Interesses wird: verflacht die Qualität eines Fußballspiels, schwenkt die Kamera der La Ola auf den Rängen nach; steigt noch kein weißer Rauch auf, verbleibt der Blick auf der wartenden Menschenmenge. Der Weltmeisterschaftssommer 2006 mit seiner immensen Konjunktur der Fan-Meilen und Public Viewings (und der noch immenseren medialen Beachtung derselben) markiert einen vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung.

Nachdem die Rede vom ‚medium‘ als ‚message‘ sich bereits seit längerer Zeit breiter Plausibilität erfreut, scheint es an der Zeit zu überprüfen, inwieweit das Publikum zur eigentlichen Botschaft taugt. Eine derart konsequente Telegenisierung des Publikums würde einen medienhistorisch fundamentalen Wandel markieren, der zu kulturtheoretischer Hinterfragung drängt.

 
 
 
 
 
 
Der Vortrag von Claus-Marco Dieterich findet statt am:
Mo | 24.9. | 10.00 Uhr
in P2
 
 
 
 
Hören Sie hier
Claus-Marco Dieterich im Interview
(MP3 4:33 min)