Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

Wie alt sind Sie? geboren 1954
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Gleichen/Göttingen
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Akademischer Rat am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie in Göttingen
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Visuelle Anthroplogie, zur Zeit Fertigstellung einer
Filmserie zur Sozialgeschichte Ostfrieslands

Erkenntnis als Inszenierung. Inszenierung als Erkenntnis

Die Folie
Beim Vergleich neuerer Filmprojekte mit traditionellen Filmproduktionen wird deutlich, dass im Bereich des kulturwissenschaftlichen Films mittlerweile ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat, der ihm eine neue Rolle zuweist. Zentrale Punkte der Diskussion sind seither "Reflexivität", "Narrativität" und "Authentizität" sowie dessen Merkmale und Strategien im Film, vor allem aber die Zurkenntnisnahme der "Wirklichkeitsebenen" von der nichtfilmischen bis zur nachfilmischen Realität (Hattendorf 1994, Hohenberger 1988, Kiener 1999).

Dennoch haften dem Medium Film die Künstlichkeit der Drehsituation und das daraus entstehende filmische Konstrukt wie ein Makel an, das ihn als wissenschaftliches Produkt unbrauchbar macht. Aufgrund seiner fiktionalen Elemente verstelle er eher den Blick auf die nichtfilmische Wirklichkeit als sie zu öffnen. Dabei ist die Übersetzung von Felderfahrung in einen wissenschaftlichen Diskurs ein Problem, mit dem sich wohl kein Wissenschaftler je leicht getan hat: Auch die Übersetzung und Interpretation der Feldrealität in die Gestalt eines Textes unterliegt vielfachen Problemen, die sich nunmehr diskursiv in den Begriffen der "Repräsentation" und der "Authentizität" versammeln.

Der kulturwissenschaftliche Filmemacher als Feldforscher kann sich in dieser Diskussion gut platzieren: Ein entscheidender Vorteil bei der Fixierung der Forschungsergebnisse ist sein im Vergleich zur schreibenden Zunft anderer Feldzugang: Im Dokumentarfilmdiskurs wohl gängiger Standard ist die zweifache Feldphase. Während im ersten Zugang alle wichtigen Daten erhoben werden, erfolgt bei den Dreharbeiten die Fixierung der in der nichtfilmischen Wirklichkeit gewonnenen Erkenntnisse. Auf der Grundlage der Recherchen und der Feldforschung besteht eine genaue Kenntnis der nichtfilmischen Wirklichkeit, so dass die durch die Dreharbeiten hervorgerufenen Veränderungen des Feldes als solche erkannt werden. Nachdem das Paradigma der objektiven Registrierung von Ereignissen, wie es etwa den wissenschaftlichen Film des IWF prägte, überholt ist, besteht auch über die Künstlichkeit jeder Drehsituation überhaupt kein Zweifel mehr. Die Frage ist eher, mit welchen Mitteln und Strategien eine Annäherung an die vorfilmische Realität erfolgen kann.

Das Beispiel
Im Vortrag soll am Beispiel einer Filmserie zur Sozialgeschichte Ostfrieslands vermittelt werden, wie die Künstlichkeit der vorfilmischen Situation nicht als "Dilemma", sondern als "Chance" (Ballhaus 1995) begriffen werden kann; als Chance, über eine deskriptive Abbildung einer ohnehin verstellten Wirklichkeit hinauszugehen; als Chance, die beim ersten Feldaufenthalt gewonnenen Erkenntnisse zu nutzen, um sie gezielt während der Dreharbeiten als zweiter Feldphase im Bild aufzuschließen und zu vermitteln. Dabei kommt in der genannten Filmserie dem Mittel der Inszenierung besondere Bedeutung zu: Die Inszenierungen sind vielfältig und begleiten als mise en scène alle Phasen der Filmherstellung. Von der Auswahl und Gestaltung des Drehortes über das In-Szene-Setzen der "Darsteller", die Einflussnahme auf Vortragsform und Textinhalte bis zur Montage eines "kollektiven Dialogs" im Schnitt entsteht eine mehr oder weniger fiktive Konstruktion, die jedoch jederzeit der wissenschaftlichen
Erkenntnis unterworfen ist.

 
 
Edmund Ballhaus (Buchcover der Diss.: Volkskundlicher Film im Umbruch. Die Filmarbeit von Edmund Ballhaus (von Peter Gürge))
 
 
 
 
Der Vortrag von Edmund Ballhaus findet statt am:
Mo | 24.9. | 17.00 Uhr
in P4
 
 
 
   
 
 
   
     
  Blogbeitrag zum Vortrag