Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
 
 
 
 
   
   
   
   
     

"Familie Dr. Kleist" und Co.
Zur Verortung des fiktionalen Alltags am Beispiel von TV-Serien

Das Buch, die DVD oder der Kalender zum Film zählen mittlerweile zum Standardrepertoire des Merchandising der Film- und Fernsehbranche, mit dem Produzenten und Sender jeglicher Couleur ihr Marktsegment erweitern. Die Konstruktion eines Brandings ist in dem kaum noch überschaubaren medialen Markt überlebenswichtig geworden. Parallel und in Kombination dazu hat sich eine medial indizierte Tourismusbranche entwickelt, die jüngst eine Dimension der Superlative erreicht hat: Ein Tourismusunternehmen in Amherst, Massachusetts, bietet zum Film "The Da Vinci Code" einen 14-tägigen Trip zu europäischen Original-Schauplätzen des Romans für 8.895 Dollar an.

Die touristischen Umfeldprodukte zu Film und Fernsehen stoßen offensichtlich auf große Resonanz. Führungen und Events zu sogenannten Original-Schauplätzen und -Drehorten sind der Renner, selbst wenn die Plots nur aus einer Kulissenrealität bestehen wie beispielsweise zur TV-Serie "Lindenstraße" im WDR-Studiogelände in Köln-Bocklemünd. Dieser Trend zeichnet sich auch in Städten und Regionen ab, die nicht gerade im Verdacht stehen, fehlende kulturhistorische oder naturlandschaftliche Alleinstellungsmerkmale durch touristische Angebote, die sich auf TV-Serien stützen, kompensieren zu müssen. Marketingkonzepte setzen zunehmend auf die Zugkraft von Fernsehserien – ob mit Angeboten für Wanderungen unter dem Label von Schauspielern oder Übernachtungen im ‚echten‘ Telenovela-Hotel bis hin zum avancierten Ziel, sich als Filmstadt zu etablieren.

Ausgehend von Ergebnissen der kulturwissenschaftlichen Medienforschung – wie Alltagsbezug, Ortsgebundenheit und Wiedererkennungsaspekten in populären Fernsehformaten – wird der Vortrag Motive und Interessen der Anbieter und Konsumenten von Umfeldprodukten ebenso diskutieren wie Fragen nach dem Einfluss, den die Verortung der medial vermittelten Wirklichkeiten auf die realen Orte und deren Alltagspraxen hat. Im Fokus steht die in Eisenach gedrehte und in der Stadt zugleich bestens touristisch vermarktete ARD-Serie "Familie Dr. Kleist". Trifft sich hier eine Fangemeinde, die sich live und vor Ort einen Erlebnismehrwert verspricht? Artikuliert sich dabei ein Interesse am Making-of, das sich damit von den ‚gewöhnlichen Serienjunkies‘ abheben möchte? Oder entspricht das Angebot einem Bedürfnis nach Auswegen aus der Kulissenrealität – hin zu originären Erfahrungen?

 
 
 
 
 
 
Der Vortrag von Anita Bagus findet statt am:
Mo | 24.9. | 10.00 Uhr
in P2