Wie alt sind Sie? 32 Jahre
Wo ist Ihr aktueller Wohnsitz? Köln
Was ist Ihre momentane berufliche Tätigkeit? Promovend und Programm Koordinator für amerikanische Austauschstudierende
Wo waren Sie zuvor tätig? Archiv der Universität Bonn, freier Mitarbeiter im Besucherdienst Haus der Geschichte, Bonn
Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte bzw. Forschungsschwerpunkte? Promotion: Transgressionen von Geschlechtergrenzen im öffentlichen Raum Kölns, queere Brauchforschung, queere Identität
Was sind Ihre weiteren Interessensgebiete? Deutsch-belgisch-niederländische Kulturgeschichte
Worauf freuen Sie sich besonders? Auf meinen ersten dgv-Kongress

Zwischen Tanzmariechen und Trümmertunte
Transgressionen von Geschlechtergrenzen im öffentlichen Raum Kölns zwischen Tradition und Subversion

Travestie und andere Transgressionen von Geschlechtergrenzen spielen in Köln das gesamte 20. Jahrhundert hindurch eine große Rolle in unterschiedlichen Brauchmustern und kulturellen Äußerungen. Die Stadt ist sowohl Hochburg des rheinischen Karnevals als auch urbaner Kristallisationspunkt schwul-lesbischer Lebensentwürfe. Aber nicht nur karnevaleske Figuren wie Tanzmariechen oder Jungfrau, sondern auch eine ausdifferenzierte queere Kleinkunstszene und das mediale Interesse am jährlichen Aufmarsch von Drag Queens und Kings zum Kölner Christopher Street Day (CSD) haben den spielerischen Geschlechtertausch zu einem Bestandteil lokaler Identität werden lassen.

Der öffentliche Raum Kölns ist somit ein ideales Feld zur kulturwissenschaftlichen Analyse und Verortung derartiger Transgressionen. Durch kulturelle Produktionen, die die Grenzen sozialer Gruppierungen überschreiten, entstehen hier soziokulturelle Schnittmengen zwischen sehr unterschiedlichen Lebenswelten. Brauchmuster wie Karneval und CSD, aber auch Theater und Kleinkunst lassen dabei nicht nur unterschiedliche Auslegungen zu, sondern ermöglichen mittels Analyse ihrer räumlichen Intensität und Vernetztheit Rückschlüsse auf gesellschaftliche Verfasstheit und grundlegende Mechanismen des Zusammenlebens. Lesweisen, Interpretationen und Einschätzungen sowie die ihnen zugrunde liegenden Systeme von Werten, Idealen und Normen beeinflussen sich dabei gegenseitig.

Die in meiner Magisterarbeit „Der Christopher Street Day in Köln zwischen schwul-lesbischer Emanzipation und kommerzieller Spaßkultur“ beschriebenen emanzipatorischen Strategien der Überschreitung von Geschlechtergrenzen haben die Frage nach einer präziseren Verortung transgressiver Phänomene im öffentlichen Raum der Stadt aufgeworfen. Neben einer Analyse von medial optimierten Events wie Karneval und CSD werden jedoch auch die Bedingungen von Duldung und Ablehnung abseits von kommerziellen Großveranstaltungen untersucht. Es handelt sich dabei um ein kontroverses Feld, dessen Komplexität sich zwischen den beiden Polen Ablehnung/Sanktionierung und Förderung/Belohnung bewegt.

Während sich die volkskundliche Magisterarbeit zum CSD vor allem mit schwul-lesbischen Szenen und deren emanzipationspolitischen Strategien und kulturellen Äußerungen auseinandergesetzt hat, erweitert das Dissertationsprojekt den Fokus im Sinne der in den Sozial- und Kulturwissenschaften entwickelten Queer Studies. Geschlecht, Gender und Begehren werden dabei dekonstruktivistisch entkoppelt und das Phänomen Travestie nicht erneut in starre Kategorien unterteilt, sondern als flexibles Potential zur Überwindung vermeintlicher binärer Opposition verstanden. Queer bezeichnet also nicht lediglich gleichgeschlechtliche, bisexuelle, transgender oder intersexuelle Identitäten, sondern die Queer Studies befassen sich mit allen Lebensentwürfen, die Aspekte der Subversion und Überwindung von Heteronormativität beinhalten. Eine ortsgebundene volkskundliche Analyse von Travestie im Sinne einer publikumsgerichteten Performance besitzt daher ein großes Potential, um die Durchlässigkeit und Flexibilität dieser Grenze zwischen normal und nicht-normal deutlich werden zu lassen.

Das Untersuchungsobjekt wird im Titel durch die begriffliche Dichotomie von Tradition und Subversion zunächst in ein binäres Spannungsverhältnis gesetzt. Ziel der Arbeit ist jedoch eine möglichst umfassende Auflösung dieser scheinbaren Polarität durch die Beweisführung, dass transgressive Phänomene eben nicht unbedingt das eine oder das andere sein müssen. Durch unterschiedliche Perspektiven, abweichende kulturelle und soziale Kontexte und durch daraus resultierende divergierende Lektüren ein und desselben Phänomens kann Travestie sowohl normstabilisierend als auch subversiv wirken. Während die Parade von „Paradiesvögeln“ durch die Kölner Innenstadt im Rahmen des Christopher Street Days von fotografierenden und applaudierenden Zuschauenden als beabsichtigt oder unbeabsichtigt normreproduzierend genutzt wird, hat dieselbe Veranstaltung für eine teilnehmende Drag Queen einen eher normunterlaufenden Charakter. Ziel des laufenden Projektes ist somit eine möglichst differenzierte volkskundliche Verortung von transgressiven Räumen, Situationen und Konstellationen sowie den ihnen zugrunde liegenden Motivationen.

 
 
 
 
 
 
Der Vortrag von Johannes Arens findet statt am:
Mo | 24.9. | 17.00 Uhr
in P3
 
 
 
   
 
 
   
Deutsche Gesellschaft für Volkskunde Johannes Gutenberg-Universität Mainz Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz